Rückblick auf ein erfolgreiches Vereinsjahr 2009
Jahreshauptversammlung des Heimat- und Geschichtsvereins Wächtersbach
Zu dieser Versammlung am 17.3. im Bürgerhaus konnte der Vereinsvorsitzende Gerhard Jahn 68 Gäste begrüßen, bei insgesamt 200 Mitgliedern ein erstaunlich positives Ergebnis. Der Einladung gefolgt waren auch Repräsentanten benachbarter Vereine. Der 1. Stadtrat Andreas Weiher überbrachte die Grüße der Stadt Wächtersbach und fand lobende Worte für das unermüdliche Engagement des Vereins für die Bewahrung der Heimatgeschichte durch die Museums- und Archivarbeit, durch das Angebot zahlreicher Vorträge und Wanderungen sowie die Herausgabe der weithin beachteten Schriftenreihe "Sammlungen zur Geschichte von Wächtersbach".
Im offiziellen Teil des Abends berichteten zunächst die Vorstandsmitglieder über das Vereinsjahr 2009. Hervorzuheben ist dabei, dass die beiden Museen etwa 1.200 Besucher zu verzeichnen hatten, wobei die Sonderausstellung "Wächtersbach in alten Bildern" wohl der Hauptanziehungspunkt war. Wegen des großen Interesses wird sie auch in diesem Jahr noch zu sehen sein, hervorragend ergänzt durch zahlreiche "neue" alte Aufnahmen. Diese Ausstellung ist eine einzigartige Dokumentation und zeigt, wie sich Wächtersbach und seine Stadtteile in den letzten 100 Jahren verändert und entwickelt haben. In 2009 erfolgten auch 15 Stadtführungen mit insgesamt 352 Teilnehmern. Kassenprüfer Hans Karl Schaub bescheinigte anschließend dem Kassenwart eine einwandfreie Buchführung und empfahl der Versammlung die Entlastung des Vorstands, der sich zur Zeit wie folgt zusammensetzt: 1. Vors. Gerhard Jahn, 2. Vors. + Schriftleiter Dr. Jürgen Ackermann, Kassenwart Heinz Colonius, Schriftführer Heiko Jahn, Beisitzerin Katja Döhn und Museumsleiter Kurt Schuh. Als Fachbeiräte sind tätig: Heike Horn, Bernd Schäfer und Otto Fiegler. Die Entlastung erfolgte einstimmig. Ebenso einstimmig wurde auch der Kassenprüfer wiedergewählt. Zwölf Mitglieder können in diesem Jahr auf 25 Jahre Vereinszugehörigkeit zurückblicken. Von ihnen waren zur Versammlung sieben anwesend (siehe Foto, vlnr). Sie wurden vom 1. Vorsitzenden geehrt und erhielten den zu diesem Anlass geschaffenen Jubiläumsteller aus Wächtersbacher Keramik. Die Jubilare sind Dr. Wolfgang Distel, Bernd Uwe Hübner, Gerhard Jahn, Günter Lieder, Sophia Dettmar, Dr. Ottto Rabenstein und Gerhard Müller. Entschuldigt waren Otto von Mitzlaff, Friedrich Roskoni, Wilhelm Kremer, Christian Schrön und Jörg Pramschüfer; ihnen wird die Jubiläumsgabe in Kürze überbracht.
Nach Abschluss der offiziellen Versammlung folgte ein Dia-Vortrag des 1. Vorsitzenden zur Herbstfahrt des Vereins im Oktober vergangenen Jahres. Zum Motto "Auf den Spuren der Römer" zeigte er eindrucksvolle Bilder der heute noch vorhandenen Reste des Kleinkastells Neuwirtshaus bei Hanau, des Römerbades in Rückingen und des Limes mit einer sehenswerten Rekonstruktion bei Rommelhausen. Eingehend vorgestellt wurden auch das für Hessen einmalige Mosaik eines Römerbades in Bad Vilbel, sowie das historische Zentrum der Mineralwasser- und Badestadt mit Burg, Rathaus und optisch reizvollen Brunnen. Eine Verlosung heimat- und naturkundlicher Bücher schloss sich an. Der "bunte Abend" schloss mit einem Reigen historischer Fotos, die dem Verein in letzter Zeit übergeben wurden. Fachbeirat Bernd Schäfer stellte sie im Dia vor und die Anwesenden begleiteten die Schau mit lebhaften Kommentaren. An dieser Stelle dankt der Vorstand allen Mitgliedern und Freunden, besonders auch der Stadtverwaltung mit dem Bauhof für die stets tatkräftige Unterstützung und gute Zusammenarbeit!
24.02.2010 - „Glück auf – der Steiger kommt“
Bemerkenswerter Vortragsabend beim Heimat- und Geschichtsverein Wächtersbach e.V.
Mit dem "Steiger", dem Spessart-Experten Joachim Lorenz aus Karlstein/Main, konnte der Verein am 24.2. in der Aula der Friedrich-August-Genth-Schule etwa 80 Gäste begrüßen. Mit großem Interesse folgten sie dem Vortrag des Referenten über den historischen Erzbergbau im Spessart. Kupfer, Blei, Silber, Kobalt und Eisen waren begehrte Bodenschätze, die über Jahrhunderte hinweg im nahen Spessart gewonnen wurden. Aber auch nach dem Mineral Schwerspat wurde noch bis vor wenigen Jahrzehnten in verschiedenen Zechen gegraben und selbst ein seltenes Marmor-Vorkommen konnte einige Zeit wirtschaftlich genutzt werden.
Mit eindrucksvollen Bildern erläuterte Joachim Lorenz zunächst die geologischen Verhältnisse im Spessart und die Entstehung der Erz-Lagerstätten im erdgeschichtlichen Rahmen. Es folgten Hinweise zu den unterschiedlichen Abbau- und Verhüttungs-Methoden, die er an Hand historischer Darstellungen anschaulich aufzeigen konnte. Wesentliche Voraussetzung für den Abbau der Erze unter Tage war das Vorhandensein von Wasser. Mächtige Wasserräder wurden zum Antrieb von Pumpen zur Grubenentwässerung eingesetzt, aber auch um die Förderanlagen anzutreiben. "Künste" nannte man damals solche geniale Konstruktionen, die fast ausschließlich aus Holz gefertigt werden mussten, denn Metall war selten und teuer. Zu Sprache kam auch die harte und gefährliche Arbeit der Bergleute, die nur mit Hammer und Eisen in niedrigen Gängen oft auf der Seite liegend das Gestein abbauen mussten. Giftige Dämpfe bei der Verhüttung brachten vielen nicht nur Krankheit und frühen Tod, sondern schädigten auch in hohem Maße die Umwelt.
Seit dem 15. Jahrhundert belegen schriftliche Zeugen einen Bergbau im Spessart. Dieser begann zunächst auf die Buntmetalle Kupfer, Blei und in geringem Umfang auch auf Silber. Diese Erze wurden aus dem Kupferschiefer gewonnen, einer geringmächtigen Sedimentschicht des urzeitlichen Zechstein-Meeres. Mit Unterbrechungen wurden Gruben in Bieber, bei Huckelheim, Großkahl, Sommerkahl und Schöllkrippen bis ins 19. Jahrhundert hinein betrieben. Erst später begann man auch den Abbau von Kobalt, Nickel und Wismut. Kobalt wurde z.B. im Blaufarbenwerk in Schwarzenfels bei Schlüchtern zur sog. "Smalte" weiter verarbeitet, Grundstoff des "Kobaltblau", das als intensive Farbe besonders in der Keramik-Industrie Verwendung fand. Hauptsächlich im Raum Bieber kam später noch die Gewinnung von Eisen- und Manganerzen hinzu; wegen ungenügender Qualität wurde dieser Bergbau 1923 endgültig eingestellt.
Bergbauspuren im Spessart sind heute kaum noch sichtbar, besonders die Flurbereinigung hat sie weitestgehend getilgt. Unwissen und Gleichgültigkeit haben so wichtige Zeugen unserer Vergangenheit beseitigt. Lediglich die Grube "Wilhelmine" in Sommerkahl ist heute als Besucherbergwerk zugänglich. Hinterlassenschaften des Bieberer Bergbaus kann man bei einer Rundwanderung ("Bieberer Acht") aufsuchen. Entlang der Wegstrecke werden diese durch hervorragend gestaltete Info-Tafeln vorgestellt.
Joachim Lorenz hatte zum Schluss noch zahlreiche Fragen seiner Gäste zu beantworten. Dies, und der abschließende Beifall zeigten deutlich, wie positiv der Vortrag aufgenommen wurde.
Ein besonderer Tag für Wittgenborn
Die traditionelle Herbsttagung des Zentrums für Regionalgeschichte des Main-Kinzig-Kreises fand in diesem Jahr anlässlich des Jubiläums "30 Jahre Heimat- und Geschichts-verein Wächtersbach e.V." am 7.11. im Töpfer- und Künstlerdorf Wittgenborn statt. Etwa 120 Freunde der Heimatgeschichte aus dem gesamten Kreisgebiet folgten der Einladung des Zentrums sowie des Vereins und füllten den Saal des Landgasthofs "Zur Bergeshöhe" bis auf den letzten Platz.
Nach der Eröffnung der Veranstaltung durch Christine Raedler, der Leiterin des Zentrums, folgten Grußworte von Landrat Erich Pipa, 1. Stadtrat Andreas Weiher, Ortsvorsteher Ge-rhard Wertmann und Gerhard Jahn, dem 1. Vorsitzenden des Wächtersbacher Vereins.
Anschließend wurde der Vormittag durch interessante Dia-Vorträge ausgefüllt. Andreas Dietz begann mit einer Darstellung der Ortsgeschichte, dann folgte ein Referat von Dr. Jürgen Ackermann über den historischen Braunkohlenbergbau im Büdinger Wald. Schließlich führte Gerhard Jahn mit seinem Vortrag durch das Leben des Malers und be-deutenden deutschen Impressionisten Robert Sterl, der vor etwa 100 Jahren in Wittgenborn lebte und hier bedeutende Werke schuf. Die akribische Darstellung von Le-ben und Arbeit der Wittgenborner Töpfer auf vielen seiner Zeichnungen und Gemälde sind einmalige Zeugnisse zur Ortsgeschichte.
Nach der Mittagspause folgten dann verschiedene Führungen. So stellte Willi Sehm den Gästen das eindrucksvolle Töpfermuseum vor, Andreas Dietz erklärte die ev. Kirche des Ortes und gab interessante Hinweise zur Geschichte des Bauwerks und Informationen zur geplanten Neugestaltung seiner Fenster. Ewald Hartmann schließlich führte eine Gruppe zunächst durch den Ort zum wieder erstandenen Bornrad und den Standort des früheren Wohnhauses und Ateliers von Robert Sterl. Anschließend folgte ein Rundgang um den Dorfweiher mit Vorstellung des hier eingerichteten Naturlehrpfades.
Alle Teilnehmer zeigten sich begeistert von dem, was ihnen an diesem Tag in Wittgenborn so abwechslungsreich geboten wurde. Viele von ihnen waren zum ersten Mal hier oben "auf der Platte", konnten so mit dieser Tagung eine heimatkundliche Wis-senslücke schließen und werden damit den Ort sicher auch in guter Erinnerung behalten. Der Heimat- und Geschichtsverein Wächtersbach e.V. bedankt sich bei allen Akteuren für Mitarbeit und Einsatz als wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Veranstaltung, mit der das dreißigjährige Vereinsjubiläum einen würdigen Rahmen fand.
„Auf den Spuren der Römer“
Die traditionelle Herbstfahrt des Heimat- und Geschichtsvereins Wächtersbach führte am 11. Oktober zu einigen Zeugen der Vergangenheit, die noch heute recht deutlich von der römischen Herrschaft in unserer Region vor etwa 2.000 Jahren künden.
Der Limes (lat.: Schneise/Weg) markierte vom Ende des 1. bis Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. die Grenze zwischen dem Römischen Reich und Germanien. Von Rheinbrohl (Rhein) bis Eining nahe Regensburg (Donau) erstreckt sich die ca. 550 km lange Anlage. Etwa 152 km davon führen durch Hessen und damit auch durch den Main-Kinzig-Kreis - z. T. nur ca. 30 km von Wächtersbach entfernt! Der Limes ist das größte Bodendenkmal Europas und seit 2005 Welt-Kulturerbe der UNESCO. In Hessen gab es 18 große Kastelle, 31 Kleinkastelle und 221 Wachttürme zur überwachung der Grenze durch römische Soldaten. Der Bau des Limes erfolgte in verschiedenen Stufen, vom zunächst einfachen Postenweg über eine Palisade aus halbierten Eichenstämmen bis zum endgültigen Ausbau mit Wall und Graben.
Zunächst besichtigte man die Reste eines Kleinkastells im Wald bei Neuwirtshaus (Hanau-Wolfgang). Diese Befestigungsanlage direkt am Limes hatte eine Besatzung von etwa 40-80 Soldaten, die den nahen Grenzübergang im Bereich der Birkenhainer Straße bewachten und den Verkehr zwischen Römern und Germanen kontrollierten (Zollstation). Dann ging die Fahrt weiter ins nahe Rückingen. Hier sicherte ein nördlich der Kinzig gelegenes größeres Kastell den damals als Verkehrsverbindung wichtigen Fluss. Die Anlage, in der eine Kohorte (= 500 Soldaten) stationiert war, ist heute verschwunden und völlig überbaut, lediglich die eindrucksvollen Fundamentreste des einstigen Badehauses im Süden sind noch vorhanden. Ein solches Bad war unabdingbares Muss für jede römische Ansiedlung. Hier konnte man deutlich den hohen Stand der Zivilisation und der Technik im Römischen Reich erkennen. Die verschiedenen Wasserbecken und auch die Räume selbst waren mit Fußboden- und Wandheizung versehen und boten Jedermann einen luxuriöse Freizeitgestaltung. Solche Einrichtungen kennen wir bei uns erst seit wenigen Jahrzehnten.
Den Abschluss des Vormittags bildete die Besichtigung einer Limes-Rekonstruktion mit Wall, Graben und Palisaden bei Rommelhausen. Auch wanderte man entlang des hier noch gut sichtbaren Grenzwalls und besichtigte den früheren Standort eines Wachtturms. Nach dem Mittagessen in Windecken wurden die Wächtersbacher dann in Bad Vilbel zu einem Rundgang durch Kurpark und die Altstadt sowie der Besichtigung eines Mosaiks erwartet, das einst die luxuriöse Badeanlage eines reichen Römers schmückte. Die aufwendige und farbenprächtige Rekonstruktion ist ein Prunkstück antiker Mosaik-Kunst. Das 1849 in der Nähe aufgefundene Original zählt zu den schönsten in ganz Deutschland. Es wird heute im hessischen Landesmuseum in Darmstadt aufbewahrt. Die bis ins kleinste Detail unter hohem Kostenaufwand geschaffene, originalgetreue Nachbildung (400.000 Mosaiksteinchen!) ist in einem ansprechenden Glas-Pavillon im Kurpark aufgebaut, hat eine Fläche von 33 qm und zeigt Meeresbewohner sowie groteske Mischwesen, die sich um den Meeresgott Oceanus gruppieren. An allen Exkursionszielen standen kompetente Führerinnen und Führer zur Verfügung, die ihren Gästen den Alltag von Soldaten und der Zivilbevölkerung im Grenzgebiet zwischen dem mächtigen Römischen Reich und dem freien Germanien anschaulich zu vermitteln wussten. Auch das Wetter war den gesamten Tag über freundlich gesonnen und €“ allen Voraussagen zum Trotz €“ konnten so die Regenschirme geschlossen bleiben. Wieder einmal hat sich deutlich gezeigt, wie spannend die Beschäftigung mit der Heimatgeschichte sein kann und welche Schätze aus unserer Vergangenheit auch in nächster Nähe zu finden sind.
„Sieh – das Gute liegt so nah!“
Der traditionelle Vereinsveranstaltung "Besuch beim Nachbarn" führte in diesem Jahr in die Brüder-Grimm-Stadt. Man meint zwar in der Regel, seine engere Heimat recht gut zu kennen, ist dann doch immer wieder überrascht, was es so alles noch zu entdecken und zu erfahren gibt. Davon konnten sich 14 Wächtersbacher Geschichtsfreunde auch am 14.6. wieder überzeugen, als sie von der Steinauer Stadtführerin Mariéle Syllwasschy dort im historischen Gewand einer Hofdame des 18. Jahrhunderts durch die historische Altstadt geführt wurden.
Der Rundgang begann am imposanten Schloss, eine der bedeutendsten Renaissance-Anlagen in Hessen. Der wehrhafte Bau mit seinem mächtigen Turm entstand im 13. Jahrhundert an des "Reiches Straße", einer wichtigen Handelsverbindung zwischen Frankfurt/M. und Leipzig. Die ursprüngliche Burganlage ließen Graf Philipp II. ab 1525 und später sein Sohn Philipp III. von Hanau-Münzenberg entsprechend umgestalten und so entstand ein in Hessen einzigartiger befestigter Schlossbau, typisch für die übergangszeit zwischen Mittelalter und Neuzeit.
Anschließend ging es zum Marktplatz, "Am Kumpen" mit seinem sehenswerten Brunnen, der den Märchen der Brüder Grimm gewidmet ist und auf seiner hohen Mittelsäule entsprechende Darstellungen zeigt. Hier waren die Kindheitserinnerungen der Besucher gefragt und es wurden so manche nette Geschichten ausgetauscht. Weitere Stationen des Rundgangs waren die Katharinenkirche, der Marstall, der heute das weltbekannte Marionettentheater der Familie Magersuppe beherbergt, sowie Burgmannenhaus, Rathaus und schließlich auch der Brückenzwinger an der nahen Kinzig. Hier drohte der "Schnappkorb", ein vergitterter Käfig, in dem einst übeltäter als Strafe für ihre Vergehen in die Fluten getaucht wurden.
Den Abschluss des Vormittags bildete ein Besuch des 2006 neu eröffneten Museums Steinau in der ehemaligen Amtshofscheune. Hier wird auf mehreren Ebenen die Bedeutung der Stadt als Durchgangsort der Fernstraße eindrucksvoll dargestellt. Sie prägte Steinau über Jahrhunderte hinweg und sah unzählige Reisende, bedeutende Persönlichkeiten und Kaufleute, aber auch Bettler, Gaukler und zwielichtige Gestalten €“ sie alle mussten hier passieren. Man suchte Quartiere und Verpflegung, kurierte Leiden, ließe Reparaturen an Fahrzeugen durchführen und bot Waren feil. Die Straße brachte damit der Stadt aber nicht nur Wohlstand, sondern oft auch große Not und Leid, verursacht durch Kriege, Seuchen und durchziehende Heere. Zahlreiche Exponate, Bilder und Modelle künden im Museum von diesen Ereignissen, von Leben und Arbeiten der Stadtbewohner jener Zeiten. Man nutzte auch die Gelegenheit, die neu gestalteten Räume des Brüder-Grimm-Hauses im Amtshof zu besuchen und einiges über die berühmtesten Söhne der Stadt zu erfahren.
Zu allen Stationen wusste Mariéle Syllwasschy nicht nur Allgemeinwissen zu vermitteln, sondern ließ recht einfühlsam mit besonderen Hinweisen und Berichten Episoden der Stadtgeschichte wieder lebendig werden. Auch peinigte sie ihre Gäste nicht mit der mancherorts üblichen Flut leicht zu vergessender Jahreszahlen, sondern legte den Schwerpunkt ihrer Ausführungen z.B. auf Hinweise zu in der Regel leicht zu übersehende Details an den Gebäuden, die aber doch Wesentliches zum Verständnis von historischen Zusammenhängen und Abläufen beitragen können. Gerne hätte der Vereinsvorsitzende mehr Teilnehmer an diesem Vormittagsausflug begrüßt, letzten Endes ermöglichte aber der kleine Kreis einen besonders intensiven Gedankenaustausch, der sicher auch dazu beitragen wird, dass das in Steinau Erlebte und Erfahrene besonders im Gedächtnis haften wird.
„Von der Kinzigaue zur Mittbachquelle“
In der Umgebung der Stadt verbergen sich mancherlei Zeugen unserer Vergangenheit, die von Exkursionsleiter Gerhard Jahn am 9.5. seinen 35 Gästen ausführlich vorstellte. Diese waren immer wieder überrascht über das, was es so alles entlang der etwa vier Kilometer langen Strecke zu sehen und zu erfahren gab. Der Start erfolgte am "Steinegarten" vor dem Rathaus an der Main-Kinzig-Straße und schon hier konnte man schon einiges über den geologischen Aufbau und die Erdgeschichte unserer Heimat erfahren. Der Weg führte vorbei an der 1982 von Ministerpräsident Holger Börner und Bürgermeister Heinrich Heldmann gepflanzten "Hessentagslinde" über die Auwegbrücke. Von hier oben gab es Erläuterungen zum aufstrebenden Industriegebiet der Stadt und Wissenswertes zur Geschichte der Bahnstrecke. Historische Fotos vom heute aus dem Stadtbild verschwundenen (2003 gesprengten) Basaltwerk und der Seilbahn der MHI erinnerten an diesen einst so bedeutenden Betrieb.
Wenig später fanden aber auch jüngeren Anlagen, z.B. die Gasverteilerstation und die Kläranlage des Abwasserverbandes Bracht großes Interesse und wurden mit wichtigen technischen Daten vorgestellt. Der in diesem Bereich noch vorhandene Altarm der Kinzig und ein kleiner Auenwald, ein Rest der vor dem Eingriff des Menschen noch das gesamte Tal bedeckenden dichten Vegetation waren weitere Exkursionspunkte. Im weiteren Verlauf erreichte man den das Kinzigtal querenden mächtigen Damm der 1900/1901 erbauten und 1995 stillgelegten Bahnstrecke Bad Orb - Wächtersbach mit seinen zwei charakteristischen Brücken. Von der "Hans-Engelfried-Brücke" am Radweg nach Bad Orb bot sich einen schöner Blick auf die über 40 m hinweg freitragende Stahlkonstruktion der benachbarten Kinzig-Querung der Kleinbahnstrecke, aber auch hinab zum Fluss mit seinen sich aus Auenlehm aufbauenden Steilufern. Hier wurden die Wanderer über die Entstehung des Kinzigtals und weitere erdgeschichtliche Besonderheiten der Auenlandschaft informiert.
Anschließend ging die Gruppe ein Stück zurück und nutzte einen schmalen Durchlass zu Unterquerung der DB-Strecke. Nun führte der Weg am hier fließenden Mittbach entlang bergauf zum Neubaugebiet "Etzweide" und weiter über die Gelnhäuser Straße hinweg zum Eingang des Mittbachtals. Hier berichtete Gerhard Jahn nun ausführlich über die hier von 1913 bis 1939 tätige Fleischmehlfabrik. Diese verarbeitete alle im Kreisgebiet anfallenden Tierkadaver zu einem bei den Landwirten sehr begehrten Futtermittel. "Deutsche Landwirte füttert deutsches Fleischmehl" €“ so lautetet eine Werbung des Unternehmens, das von den Wächtersbachern als "Gulasch" tituliert wurde, eine durchaus noch heute geläufige Bezeichnung für das Areal. Historische Fotos zeigten das ansehnliche Fabrikgebäude mit seinem 25 m hohen Schornstein, das schließlich 1955 abgerissen wurde. Nur das Wohnhaus des Inhabers steht noch und dient heute als Forsthaus. Bald darauf hatte man die Quelle des Mittbachs am Fuße des hier beginnenden Buntsandstein-Steilhangs erreicht und genoss dann nach kurzem Marsch auf der östlichen Talflanke beim Austritt aus dem Wald von oben die herrliche Aussicht auf die kurz zuvor durchwanderte Kinzigebene und die Berge des Vorspessarts bis hinauf zu den aus dem Grün des Waldes leuchtenden Dächern des Dorfes Alsberg. Abschließend führte der Weg nun wieder ins Tal hinab zum Mittbach, seinen Teichen und zu den Resten eines Kellergewölbes des bereits im 14. Jahrhundert urkundlich erwähnten Hofes "...in der Medebach". Auch auf der restlichen Wegestrecke bis zum Ausgangspunkt konnte der Referent seinen Gästen noch viele weitere heimatkundliche Hinweise vermitteln, Straßennamen und Flurbezeichnungen erklären und dann am "Steinegarten" den für Alle sehr interessanten und informativen Nachmittag beschließen. Auch in Zukunft ist der Heimat- und Geschichtsverein bestrebt, mit solchen Wanderungen die vielen stummen Zeugen unserer Vergangenheit in Feld und Wald vor dem Vergessen zu bewahren.
Vor 2000 Jahren: Die Schlacht im Teutoburger Wald
Zur Erinnerung an dieses für die deutsche Geschichte so wichtige Ereignis im Jahre 9 nach Christus hatte der Heimat- und Geschichtsverein Wächtersbach am 22.4. zu einem Dia-Vortrag seines 1. Vorsitzenden Gerhard Jahn in die Aula der Friedrich-August-Genth-Schule eingeladen und konnte auch zu diesem Anlass wiederum zahlreiche Gäste begrü-ßen.
"Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder" €“ so soll der römische Kaiser Augustus verzweifelt ausgerufen haben, als er von der Vernichtung von drei seiner Elite-Legionen mit etwa 20.000 Soldaten erfuhr, die im Osnabrücker Land in einen Hinterhalt der Ge-rmanen geraten waren. Mit eindrucksvollen Bildern zeichnete der Referent dieses Ereig-nis nach und behandelte auch Vorgeschichte und Auswirkungen der dramatischen Tage. Zunächst wurden die drei Hauptakteure auf der damaligen Weltenbühne im Zusammen-hang mit der politischen Situation ihrer Zeit vorgestellt. Es waren: Kaiser Augustus, unumschränkter Herrscher des Römischen Reiches, sein Statthalter Varus, der Germanien dem Imperium endgültig eingliedern sollte, sowie der Cherusker Arminius, Führer der germanischen Hilfstruppen im römischen Heer, der schließlich die Fronten wechselte. Als siegreicher "Hermann der Cherusker" und Befreier Germaniens ging er in die Geschichte ein.
Im September des Jahres 9. n. Chr. befanden sich drei römische Legionen mit umfangrei-chem Tross unter dem Kommando des Publius Quinctilius Varus auf dem Rückmarsch von ihrem Sommerlager an der Weser zu den Winterquartieren am Rhein (Xanten, Köln). Unerwartet wurden sie unterwegs von Germanen angegriffen und in mehrtägigen erbit-terten Kämpfen fast vollständig vernichtet. Varus beging im Angesicht der Niederlage Selbstmord; er stürzte sich in sein Schwert €“ so wie es die Tradition befahl. Dieser für die Römer völlig überraschende überfall war das Werk des Arminius. Der als Geisel in Rom aufgewachsene, dort erzogene und militärisch ausgebildete Germane genoss hohes An-sehen, wurde sogar zum römischen Ritter ernannt und bewährte sich in verschiedenen Kriegen als Kommandeur. In Germanien diente er schließlich unter Varus als Stabsoffi-zier und Anführer der Reitertruppen. Unbemerkt von den Römern hatte er zwischen Rhein und Weser ansässige Germanenstämme vereint, sich schließlich unter einem Vorwand mit seinen Kriegern von den römischen Legionen entfernt und diese dann in der als "Schlacht im Teutoburger Wald" bekannt gewordenen Konfrontation besiegt. Rom hatte eine der schwersten Niederlagen seiner Geschichte erlitten; das Reich geriet ins Wanken. Spätere Rachefeldzüge brachten nicht den gewünschten Erfolg und die Pläne zur Eroberung Germaniens bis zur Elbe mussten aufgegeben werden.
Wo fand die Schlacht eigentlich statt? über diese Frage wird seit Jahrzehnten heftig dis-kutiert, denn die antiken Autoren haben hierzu nur recht vage berichtet. 1987 begann der britische Offizier Tony Clunn mit einer systematischer Suche am Kalkrieser Berg nördlich von Osnabrück. Bald hatte er Erfolg. Bis heute wurde dort intensiv gegraben und tausende römischer Artefakte geborgen, z.B. Waffen und Werkzeuge, dazu menschliche und tierische Knochen. Auf dem einstigen Schlachtfeld entstand inzwischen ein bemer-kenswertes Museum, das die Besucher ausführlich über das Geschehen vor 2000 Jahren informiert. Der Referent führte seine Gäste mit hervorragenden Aufnahmen durch diese Anlage mit ihrer Ausstellung eindrucksvoller Fundstücke. Zum Abschluss des Vortrags wurde dann von ihm auch noch das mächtige Hermannsdenkmal auf dem Teutberg süd-lich von Detmold vorgestellt, Lebenswerk des Bildhauers Ernst von Bandel, der den be-reits 1838 begonnenen Bau schließlich 1875 vollenden konnte. Es ist noch heute eines der meistbesuchten Denkmäler Deutschlands.
Rückblick auf ein erfolgreiches Vereinsjahr 2008
Zur am 11.3. im Bürgerhaus wieder als "Bunter Abend" gestalteten Jahreshauptver-sammlung konnte der Heimat- und Geschichtsverein Wächtersbach mit 55 Gästen über 25% der Mitglieder willkommen heißen €“ ein außergewöhnliches Ergebnis! 1. Stadträtin Susanne Turlach übermittelte Grüße von Bürgermeister Krätschmer und des Magistrats, dankte für die gute Zusammenarbeit und das erfolgreiche Wirken des Vereins zum Woh-le der Allgemeinheit. Grüße und Dank des 1. Vorsitzenden galten nicht nur ihr, sondern auch den Vertretern der Presse und vier Mitgliedern, die 25 Jahre dem Verein die Treue gehalten haben: Dr. Klaus Peter Decker, Helmut Scheuß, Edmund Spohr und Harald Fischöder. Die beiden Erstgenannten waren anwesend und erhielten den von der Wäch-tersbacher Keramik gestalteten und gefertigten Jubiläumsteller des Vereins (siehe Foto); die übrigen werden den für diesen Abend entschuldigten Jubilaren in Kürze überbracht.
Nach dem Gedenken an die seit der letzten HV verstorbenen drei Mitglieder folgten die Rechenschaftsberichte des Vorstands. Der 1. Vorsitzende erwähnte dabei als besonderes Ereignis die Einweihung des "Steinegartens" am 3. 9. 2008, zu der zahlreiche Vertreter von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft begrüßt werden konnten. Eindringlich war sein Appell zur einem stärkeren Engagement der Mitglieder bezüglich der Mitarbeit im Ver-ein. Besonders an öffnungstagen des Museums sei es immer wieder schwierig, Personen für die Aufsicht in den Räumen und den Kassendienst zu motivieren. Diese Tätigkeit soll-te nicht nur immer von den gleichen Personen wahrgenommen, sondern auf viele Schul-tern verteilt werden. Ein von ihm vorgetragenes Gedicht zu dieser Problematik fand den großen Beifall der Versammlung.
Beisitzerin Katja Döhn berichtete über die acht Veranstaltungen des Vereins, an denen 2008 insgesamt 442 Personen teilnahmen. Zusammen mit Beisitzerin Heike Horn baut sie auch das Archiv des Vereins auf, das bereits über umfangreiche heimatgeschichtliche Literatur verfügt. Es folgte Dr. Jürgen Ackermann, 2. Vorsitzender und Schriftleiter der von ihm und seiner Gattin betreuten Schriftenreihe "Sammlungen zur Geschichte von Wächtersbach" mit einem Rückblick auf die zwei Ausgaben in 2008, mit denen das Ge-samtwerk 362 Schriften mit insgesamt etwa 3.700 Seiten (!) umfasst. Museumsleiter Kurt Schuh verdeutlichte anschließend das Geschehen im Heimat- und im Keramikmuseum. 2008 konnten etwa 1.300 Besucher gezählt werden, wobei die Sonderausstellung "100 Jahre katholische Kirchengemeinde Wächtersbach" hervorzuheben ist. Ein ebensolches Interesse wird sicher auch die neue Ausstellung zum Thema "Wächtersbach in alten Bildern" finden, die zur Zeit vom Museumsteam aufgebaut und dann ab April zu sehen sein wird. Auch der Bericht von Stadtführer Otto Fiegler wies viel Positives aus. Etwa 400 Personen konnte er bei 17 Führungen unsere historische Altstadt zeigen, wobei sogar Gruppen aus Frankfurt, Fulda und Wiesbaden teilnahmen. Schriftführer Heiko Jahn meldete einen Mitgliederbestand von 200 Personen und erläuterte mit einer Statistik den Aufbau der Internet-Präsentation des Vereins, die großen Zuspruch findet und zu vielen Bestellungen unserer Schriften führt.
Es folgte der Bericht des Kassenwarts Heinz Colonius über den Stand der Vereinsfinanzen und im Anschluss daran bestätigte ihm Kassenprüfer Hans Karl Schaub eine einwand-freie Buchführung. Er empfahl die Entlastung des gesamten Vorstands. Diese erfolgte ohne Gegenstimme und Hans Karl Schaub wurde ebenso einstimmig wieder als Kassen-prüfer für 2009 gewählt. Zum Abschluss des offiziellen Teils der Versammlung dankte der 1. Vorsitzende all denen, die für den Verein aktiv tätig waren oder diesem auf mancherlei Weise hilfreich zur Seite standen. Danach erlebten die Gäste einen Dia-Vortrag zur Herbstfahrt des Vereins nach Rüsselsheim, dem sich als Tätigkeitsbericht von Bernd Schäfer (Fachbeirat für Bilddokumentation) eine Präsentation alter Fotos aus Wächtersbach anschloss. Die einzelnen Bilder, zumeist Gruppenaufnahmen, wurden von den Anwesenden recht lebhaft kommentiert. Dabei hat man auch so manchen "alten Wächtersbacher" erkannt und schöne Erinnerungen an Veranstaltungen vergangener Zeiten wachgerufen. Es war eine hervorragende Einstimmung auf die neue Sonderausstellung im Museum! Den Abend beschloss auch dieses Jahr wieder eine Verlosung heimatkundlich- heimatgeschichtlicher Bücher, und "Glücksfee" Helga Ott konnte dabei viele Gäste mit interessanter Fachliteratur bedenken.

„Welch ein Roman ist mein Leben“
Bemerkenswerter Vortrag über Napoleon beim Heimat- und Geschichtsverein Wächtersbach
Wer sich vielleicht an einen langweiligen Geschichtsunterricht während der Schulzeit erinnerte und des-halb am 28.1. dem Vortrag fernblieb, hat etwas versäumt. Klaus Nobiling, dem Referenten des Abends, gelang es, mit einem hervorragend konzipierten Multimedia-Vortrag Leben und Wirken, Aufstieg und Fall des Franzosenkaisers so lebendig und detailreich zu vermitteln, dass trotz der Dauer von etwa zwei Stun-den bis zum Schluss bei den etwa 50 Besuchern weder Langeweile noch Müdigkeit aufkamen und diese schließlich mit großem Beifall sehr positiv über das Gehörte und Gesehene urteilten. Zu Beginn wurde das Publikum mit Einspielung der Marseillaise eingestimmt, entstanden als Kriegslied der französischen Revolution und später französische Nationalhymne. Unter ihren Klängen sah man auf der Leinwand Marschkolonnen in die Schlacht ziehen, im Schein feuernder Kanonen Soldaten kämpfen und parallel dazu zeitgenössische Darstellungen des jungen Generals und späteren Franzosenkaisers Napoleon. Welche Möglichkeiten eine moderne Multimedia-Technik bietet, wurde während des gesamten Vortrags immer wieder deutlich, so z.B. durch Einblendung von Landkarten, auf denen sich bewegende Pfeile den Marschrouten der Heere folgten, dazu auch wichtige Schlachtfelder und weitere historische Orte einprägsam markierten. Entsprechende Erläuterungen einer Lautsprecher-Stimme ermöglichten dabei dem Referenten kurze Redepausen.
Kurzweilig, aber ungemein spannend war seine Darstellung des Lebensweges und der Familien-geschichte Napoleons. 1769 auf der Insel Korsika geboren, besuchte er ab dem neunten Lebensjahr die Militärschulen von Brienne und Paris. Mit nur 16 Jahren wurde der junge Mann bereits königlicher Offizier. Diese Zeit der militärischen Ausbildung war prägend für sein gesamtes Leben. Im Alter von 19 Jahren kämpfte er im südfranzösischen Bürgerkrieg und war maßgeblich an der Vertreibung der Engländer aus Toulon beteiligt. Bereits mit 24 Jahren folgte die Beförderung des Organisationstalents und genialen Strategen zum Brigadegeneral. 1796 wurde Napoleon Oberbefehlshaber der Italienarmee und nach einem Staatsstreich 1799 schließlich sogar Erster Konsul der Republik. In den folgenden Jahren schuf er eine stabile Ordnung der staatlichen Verwaltung, einheitliches Unterrichtswesen und das bekannte Gesetzeswerk des Code Civil, das weit über Frankreich hinaus Bedeutung erlangen sollte. 1802 ernannte sich der neue Herrscher zum Konsul auf Lebenszeit und krönte sich schließlich auch selbst 1804 zum Kaiser der Franzosen, Monarch nicht etwa durch "Gottes Gnaden" nach bisherigem Glauben, sondern hier eindeutig durch den Willen des Volkes. Seinen gesamten Lebenslauf hier darzustellen, ist nicht möglich. Die weiteren Ereignisse, Heiraten, Feldzüge, Siege, die endgültige Niederlage des Fran-zosenkaisers bei Waterloo im Jahre 1815, die folgende Verbannung auf die Insel St. Helena und schließlich sein Tod dort 1821 wurden von Klaus Nobiling ebenso anschaulich vermittelt, wie auch private Einblicke in das Familienleben des Kaisers. So wurde sein Tagesablauf der Nachwelt durch Bedienstete vermittelt, z.B. dass er bei der Morgentoilette ausgiebig "Eau de Cologne" verwendete. Den Gästen des Abends wurden als besonderer "Gag" originale Geruchsproben geboten, wie auch nach Ende des Vortrags ein kleiner Umtrunk mit echtem "Cognac" Napoleon aus einer in Gestalt des Kaisers geformten Flasche.
Bewundert und gefürchtet, beliebt und gehasst, Napoleon hat die Deutschen immer in hohem Maße faszi-niert und ihre Geschichte wesentlich beeinflusst. Klaus Nobiling ließ dies alles mit seinem gelungenen Vortrag Revue passieren. Vereinsvorsitzender Gerhard Jahn dankte ihm mit einem Buchgeschenk und wies auf den nächsten Vortragsabend am 18.2. hin, der speziell den Rückzug Napoleons durch das Kinzigtal nach der verlorenen Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober des Jahres 1813 und dessen katastrophalen Folgen behandeln wird.
Napoleon sprach gut deutsch – dramatische Tage im Kinzigtal
Der Januar-Vortrag beim Heimat- und Geschichtsverein Wächtersbach über Leben und Wirken des Franzosenkaisers fand am 18.2. eine ebenso bemerkenswerte Fortsetzung mit dem Bericht des Historikers Tobias Picard (Hanau-Großauheim) über den Rückzug der in der Völkerschlacht bei Leipzig (16.€“19. Okt. 1813) geschlagenen Franzosen durch das Kinzigtal. Anschaulich und mit vielen historischen Bildern stellte der Referent dar, wel-che dramatischen Ereignisse mit dem Marsch der demoralisierten und in Auflösung be-griffenen Armee durch unsere engere Heimat verbunden waren. Aber auch die Vorge-schichte sowie die mit diesem Geschehen verbundenen politischen Hintergründe und Folgen wurden den etwa 80 Gästen des Abends in der Aula der Friedrich-August-Genth-Schule verdeutlicht.
Die besiegten Franzosen flüchteten in Richtung Rhein und benutzten die auch durch das Kinzigtal führende, als "des Reiches Straße" bekannte Verbindung zwischen Leipzig und Frankfurt/Main. Am 28. Oktober 1813 trafen die ersten Truppen in Schlüchtern ein. Napo-leon fand Quartier im Kloster. Hier unterhielt er sich auch längere Zeit mit einem Lehrer. Dieser berichtete später, dass der Kaiser recht gut deutsch sprach. Bald darauf standen die Franzosen dann vor Gelnhausen. Aber auch die Verbündeten waren nicht untätig. Vornehmlich kleinere Kosaken-Einheiten versuchten durch blitzartige überfälle von den Flanken her den Rückzug zu stören und zu verzögern. Als Beispiel nannte der Referent Angriffe in Salmünster und bei Ahl. Auch die bayerische Armee unter General Graf Wrede war inzwischen im Anmarsch und bezog Stellung bei Hanau, um hier den Franzosen den Weg zum Rhein zu sperren. Froh darüber, dass der gefährliche Engpass bei Wirtheim frei war und ungehindert passiert werden konnte, musste Napoleon aber bei Höchst zunächst die teilweise zerstörte Kinzigbrücke reparieren lassen, um den Weitermarsch zu ermögli-chen. Besonderes Interesse der Vortragsgäste fand eine Zeichnung dieses Vorgangs, die damals von einem französischen Ingenieur gefertigt wurde. Sie zeigt die sich vor der Brücke stauenden Heeresverbände, dazu auch, wie Napoleon hoch zu Pferd auf einem Hügel diesen Vorgang überwacht. Bei den Kämpfen um Gelnhausen fiel vor dem Burgtor der erst 18jährige Wilhelm Reinhard Freiherr von Massenbach, Leutnant bei den "Preußi-schen Garde-Kosaken". Sein eindrucksvolles Grabkreuz aus weißem Marmor, das in der Werkstatt des berühmten Berliner Bildhauers Gottfried Schadow gefertigt wurde (er schuf u.a. die Quadriga auf dem Brandenburger Tor), steht noch heute auf dem Friedhof in Gelnhausen. Es kündet vom unheilvollen Geschehen jener Tage, bei dem nicht nur zahl-reiche Soldaten zu Tode kamen, sondern weitaus größere Verluste bei der Bevölkerung durch eingeschleppte Seuchen (Typhus, Fleckfieber) zu beklagen waren. überall entlang der Rückzugslinie lagen tote Soldaten und Pferde, suchten Kranke und Verwundete Un-terkunft und Verpflegung, Plünderer trieben ihr Unwesen, Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung. So berichtete Picard z.B. dass in Aufenau 97 Menschen ums Leben kamen. In Wirtheim wurden in einem Massengrab 27 Ortsansässige und 67 Franzosen bestattet. Am 30. und 31. Oktober kam es schließlich bei Hanau zur Schlacht zwischen den bayerischen Truppen Wredes und den Franzosen, bei der die Stadt arg in Mitleiden-schaft gezogen wurde und die Bayern hohe Verluste zu beklagen hatten. Napoleon konn-te nun als Sieger nach dieser seiner letzten Schlacht auf deutschem Boden mit den Res-ten seiner Armee ungehindert das damals französische Mainz erreichen. Damit gingen für das Kinzigtal vier dramatische Tage zu Ende, nicht aber Not und Elend in der Bevöl-kerung, die noch lange an den vielfältigen Folgen der Kriegshandlungen leiden musste. Tobias Picard hatte nach Ende seines bemerkenswerten Vortrags noch viele Fragen der Gäste zu beantworten. Der Vereinsvorsitzende Gerhard Jahn bedankte sich bei ihm mit einem Buchgeschenk und dem originalgetreuen Modell einer Kanone der napoleonischen Armee; diesem Dank schlossen sich die Gäste mit großem Beifall an.
